Fluglärm in Wien: was die amtliche Karte nicht zeigt
Die amtliche Kontur deckt kein einziges der 99 Wiener Grätzl ab — nachgerechnet. Also entstand ein eigenes Radar: jede Minute, zwei Aufnahmen, drei Quellen.
Man steht bei einer Besichtigung am Balkon, ein Flugzeug zieht darüber, und fragt sich, ob das den ganzen Tag so geht. Dann sieht man in die amtliche Lärmkarte und findet über der Stadt gar nichts. Beide Beobachtungen stimmen, und um den Abstand dazwischen geht es hier.
Was die amtliche Karte festhält
Punkt-in-Polygon gegen den Mittelpunkt jedes der 99 Grätzl, Löcher inklusive, gelaufen am 26.07.2026. Nachrechenbar: scripts/generate-fluglaerm.mjs.
Warum eine leere Karte kein Beleg für Ruhe ist
Der naheliegende Verdacht ist ein höherer Grenzwert für Flugzeuge. Der ist es nicht: Die niedrigste Klasse der Kontur liegt bei 55 dB Lden, exakt der Schwelle, die auch für Straßen gilt. Anders ist die Kennzahl. Lden mittelt ein ganzes Jahr und gewichtet Abend und Nacht stärker. Ein Anflug in neunhundert Metern Höhe ist etwa eine Minute lang laut. Auf 8.760 Stunden verteilt, fällt er unter die Schwelle, bevor die Kontur eine Wohnstraße erreicht — obwohl dieselbe amtliche Datei für den Flughafen Wien 247 957 Bewegungen im Jahr führt, rund 679 pro Tag.
Das ist kein Skandal und keine Vertuschung. Ein Jahresmittel ist das richtige Instrument für eine Autobahn, die jeden Tag zur selben Stunde laut ist. Es ist das falsche Instrument für ein Ereignis, das siebenmal in zwanzig Minuten stattfindet und dann eine Stunde lang nicht mehr. Wer mit dieser Karte „kein Fluglärm" bewirbt, liest eine fehlende Angabe als Tatsache.
Also entstand ein eigenes Radar
Die Kontur nachrechnen, nicht annehmen
Punkt-in-Polygon der kartierten Zonen gegen den Mittelpunkt jedes der 99 Wiener Grätzl, Löcher inklusive, für Lden und für Lnight. Aus dieser Prüfung stammt die Null weiter oben — öffentlich nachgerechnet war sie bis dahin nirgends.
99 Grätzl. Keines davon liegt in der Fluglärm-Kontur. Die Überflüge selbst zählen
Wenn ein Jahresmittel keinen einzigen Überflug sehen kann, müssen die Überflüge gezählt werden. Seit dem 25.07.2026 fragt jede Minute ein Auftrag ADS-B-Empfänger der Community, welche Luftfahrzeuge unter dreitausend Metern über Wien stehen.
Eine Minute: zwei Aufnahmen im Abstand von zwanzig Sekunden (hoch), die Strecke dazwischen interpoliert (mittel), vierzig Sekunden ungesehen (blass). Warum jede Minute?
Ein Anflug quert fünf Kilometer in etwa einer Minute. Eine einzelne Aufnahme trifft deshalb rund siebzehn der 99 Grätzl und übersieht die Kette dahinter komplett. Genau das tat der erste Anlauf — aufgefallen ist es nur, weil ein Mensch am Balkon mitgezählt hat.
Die Abkürzung verwerfen
Jede Bahn aus Kurs und Tempo vorauszurechnen wäre billiger gewesen — eine Aufnahme je halber Stunde hätte gereicht. Gebaut, gemessen, verworfen.
Was die Messung ergab
Nach sechzig Sekunden liegt der vorausgerechnete Punkt 1,0 bis 1,4 Kilometer daneben — ein Viertel der tatsächlich geflogenen Strecke. Auf vier Minuten hochgerechnet landet er im falschen Bezirk. Also wird ausschließlich ZWISCHEN zwei beobachteten Punkten interpoliert, und der Auftrag läuft sechzigmal pro Stunde statt zweimal.
Was das je Grätzl beantwortet: in welchem Anteil der Beobachtungen ein Luftfahrzeug tief darüber stand. Was nie dort stehen wird, ist eine gezählte Gesamtzahl. Und es bleibt ein Protokoll, keine Bestenliste — der Korridor dreht mit dem Wind, und eine Liste aus einer Wetterlage wäre für die halbe Stadt dauerhaft falsch, weil Suchmaschinen sie indexieren.
Und wie oft es wirklich dreht
An 44 von 45 Tagen mit bestimmbarer Richtung hat die Betriebsrichtung innerhalb des Tages gewechselt. Das ist die ganze Seite in einer Zeile: Welche Häuser unter dem Anflug liegen, ist keine Eigenschaft der Adresse. Das entscheidet der Wind an diesem Tag.
Anteil aller 25 701 Aufnahmen seit dem 25.07.2026. In 78,7 % davon ließ sich die Richtung nicht bestimmen — die beiden Anteile darüber sind deshalb Untergrenzen, keine Obergrenzen.
Woher diese Zahl kommt
Abgeleitet aus dem Kurs tief fliegender Maschinen nahe dem Flughafen, keine amtliche Angabe: Eine Maschine im Endanflug fliegt den Pistenkurs, und der nächstliegende der vier Pistenkurse benennt die Betriebsrichtung. „Nicht bestimmbar" heißt: in dieser Stunde zu wenige tiefe Maschinen, oder keine klare Mehrheit unter ihnen. Und welche Achse lief, sagt nichts über die Lautstärke an einem einzelnen Ort — nur, welche Häuser überhaupt in Frage kamen.
Was das Radar bisher gesehen hat
Für jedes der 99 Grätzl wird gezählt, wie viele Luftfahrzeuge unter dreitausend Metern im Umkreis von zweieinhalb Kilometern um seinen Mittelpunkt vorbeikommen. Eine Stichprobe, kein Messwert, und nie eine Dezibel-Angabe — aber die einzige Antwort je Grätzl, die es für Wien gibt.
Wie diese Zahlen zu lesen sind
Aufgezeichnet seit 25.07.2026. Die Luftfahrzeuge pro Stunde sind gezählt, nicht geschätzt: Dieselbe Maschine steht in aufeinanderfolgenden Aufnahmen und wird an ihrer Transponder-Kennung wiedererkannt, zählt also einmal. Beobachtet werden zwanzig von sechzig Sekunden — die Zahl ist deshalb eine Untergrenze, keine Obergrenze. Hubschrauber sind darin mitgezählt.
Und warum hier keine Höhe steht: Der Datenstrom meldet eine, aber ein MINIMUM über 46 Tage ist eine einzelne Maschine, keine Messung. Derselbe Wert von 671 m steht über dreißig verschiedenen Grätzl — eine Maschine auf einer barometrischen Stufe, die als „Tiefstwert" über halb Wien wandert. Gegen den 3-Grad-Anflugpfad gerechnet liegen die tiefsten Meldungen bei 4 bis 20 Prozent der Höhe, die ein Verkehrsflugzeug im Anflug dort hätte: Das sind Gleitschirme und Hubschrauber, und von denen hat Wien viele (99 der 99 Orte melden Drehflügler). Eine Höhe kommt zurück, wenn der Datenstrom Drehflügler verlässlich trennt und ein Wert nicht mehr an einem einzigen Überflug hängt.
Luftfahrzeuge pro Stunde im Schnitt, mit den Flügen und Stunden dahinter · Stand 08.09.2026
Alle 99 Grätzl zeigenWeniger zeigen
Das ist keine Rangliste des Fluglärms in Wien und will auch keine sein. Die Betriebsrichtung in Schwechat dreht mit dem Wind: an einem Tag läuft der Anflug über den Osten der Stadt, am nächsten über den Südwesten. Ein kurzes Fenster zeigt vor allem das Wetter dieses Fensters. Zu jeder Zahl steht ihr Nenner, damit sich das Gewicht selbst einschätzen lässt; mit jedem Tag wird das Bild ruhiger.
Wann fliegen sie?
Zwischen 00 und 06 Uhr steht im Schnitt kaum eine Maschine über der Stadt. Ab etwa 08 Uhr läuft der Betrieb, am dichtesten gegen 11 Uhr, und er hält bis etwa 19 Uhr dasselbe Niveau.
Flugzeuge unter 3000 m gleichzeitig über Wien, Durchschnitt je Aufnahme · Ortszeit · 24 von 24 Stunden belegt
Ein niedriger Schnitt heißt nicht leise. Wer unter einem Korridor wohnt, hört die einzelne Maschine trotzdem, um fünf Uhr früh genauso wie mittags — ein Durchschnitt über die ganze Stadt kann das nicht tragen. Die Kurve zeigt den TAKT des Tages, nie die Lautstärke.
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Und nachts?
Ein generelles Nachtflugverbot gibt es in Schwechat nicht — der Flughafen darf rund um die Uhr betrieben werden. Was es gibt, ist eine Obergrenze. Zwischen 23:30 und 05:30 sind 4 700 Starts und Landungen pro Kalenderjahr festgeschrieben, ausgehandelt im Mediationsvertrag von 2005. Das sind im Schnitt rund 13 in einer Nacht, etwa 2,1 in jeder Stunde der Kernnacht, gegenüber rund 679 Bewegungen an einem gewöhnlichen Tag — etwa 1,9 Prozent des Jahresverkehrs. Nicht mitgezählt werden Ambulanzflüge, Sicherheitsgründe, gesperrte Pisten und besondere Wetterlagen.
Eine zweite Regel entscheidet stärker darüber, wer etwas hört, und sie taucht in keinem Pegel auf: Von 21:00 bis 07:00 darf bei Windstille nur die Piste 11/29 benutzt werden. Nachts liegt der Betrieb also auf einer Achse statt auf zweien. Welches Ende dieser Achse in Betrieb ist, hängt weiter vom Wind ab — Piste 11 legt den Anflug über die Stadt, Piste 29 über das Umland südöstlich davon. Eine ruhige Nacht in einem Teil Wiens ist deshalb keine Zusage für die nächste.
Die eigene Aufzeichnung deckt bisher 7 der Kernnacht-Stunden ab (24 von 24 Stunden insgesamt). Eine leere Stunde in der Kurve heißt „noch nicht gemessen", nie „kein Flugzeug". Nachtregeln: Dialogforum Flughafen Wien.
Woher der Anflug kommt
Schwechat hat zwei Pisten, und Flugzeuge landen gegen den Wind. Daraus ergeben sich vier Landerichtungen — und nur zwei davon führen über Wien. Welche gerade gilt, entscheidet das Wetter, nicht die Adresse.
Landung Richtung Südost, der Anflug kommt aus Nordwest — diagonal über die Stadt: Simmering, Favoriten, Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Penzing, gerechnet von knapp sechs Kilometern vor der Schwelle nach außen.
Landung Richtung Süd, der Anflug kommt aus Nordnordwest — knapp zwanzig Kilometer durchgehend über Donaustadt, vom Stadtrand bis kurz vor die Schwelle.
Landung Richtung Nordwest, der Anflug kommt aus Ostsüdost — aus dem Umland. Diese Achse berührt das Wiener Stadtgebiet nicht.
Landung Richtung Nord, der Anflug kommt aus Südsüdost — aus dem Umland. Diese Achse berührt das Wiener Stadtgebiet nicht.
Unter einer Achse zu liegen sagt nichts darüber, wie oft sie in Betrieb ist — das entscheidet der Wind über das Jahr. Und eine Achse ist eine Linie auf der Karte, kein Lärmwert: wie viel davon an einem Fenster ankommt, hängt an Höhe, Wetter und dem, was dazwischen steht. Pistengeometrie aus OpenStreetMap, die gequerten Bezirke gegen die amtlichen Grenzen gerechnet, nicht erinnert.
Was du bei einer Besichtigung selbst prüfen kannst
Schau nach oben, nicht auf eine Karte. Ein Flugzeug im Anflug ist unverwechselbar — tief, langsam, Fahrwerk ausgefahren. Siehst du in den zehn Minuten, die du dort stehst, eines, liegst du zumindest bei diesem Wind unter einem Korridor. Geh ein zweites Mal hin, an einem Tag mit Wind aus der anderen Richtung; ein Besuch beweist wenig, weil die Richtung dreht. Frag die Nachbarn statt den Makler: Wer dort einen Sommer verbracht hat, kennt den Takt auswendig. Und merk dir die Uhrzeit — die ruhige Stunde, in der du zufällig da bist, sagt nichts über die Welle zwanzig Minuten später.
Ruhige Lagen in Wien finden →Häufige Fragen
Gibt es Fluglärm in Wien?
Ja — und die amtliche Lärmkarte zeigt davon nichts. Nachgemessen an allen 99 Wiener Grätzl enthält die Fluglärm-Kontur der EU-Umgebungslärmkartierung (Runde 2022) kein einziges, weder beim Tag-Abend-Nacht-Pegel Lden noch beim Nachtpegel Lnight. Ihr westlicher Rand liegt bei Längengrad 16.441; das nächstgelegene Grätzl-Zentrum, Kledering, liegt 0,7 km davor. Dieselbe amtliche Datei führt für den Flughafen Wien 247 957 Flugbewegungen pro Jahr. Beides steht gleichzeitig da.
Warum zeigt die amtliche Karte über Wien keinen Fluglärm?
Nicht wegen eines höheren Grenzwerts: Die niedrigste kartierte Klasse liegt bei 55 dB Lden — dieselbe Meldeschwelle wie beim Straßenlärm. Es liegt an der Kennzahl. Lden ist ein JAHRESMITTELWERT über Tag, Abend und Nacht. Ein einzelner Anflug ist rund eine Minute lang laut; über 8.760 Stunden gemittelt fällt er unter die Schwelle, bevor die Kontur die Stadt erreicht. Die Karte ist nicht falsch. Sie beantwortet eine andere Frage als die, die man am Balkon stellt.
Welche Wiener Bezirke sind von Fluglärm betroffen?
Hier steht keine Liste — und jede Liste, die anderswo steht, sollte man vorsichtig lesen. Die An- und Abflugrichtung in Schwechat dreht mit dem Wind, Flugzeuge starten und landen gegen ihn. An einem Tag liegt der Korridor über dem Süden der Stadt, am nächsten über dem Nordosten. Aufgezeichnet wird seit dem 25.07.2026. An 44 von 45 Tagen mit bestimmbarer Richtung hat die Betriebsrichtung innerhalb des Tages gewechselt. Was deshalb hier steht, ist ein Protokoll mit Nenner: zu jedem Grätzl die Luftfahrzeuge je Stunde, und daneben, aus wie vielen Flügen über wie viele Stunden der Wert stammt. Nach Menge sortiert, damit man einen Ort findet — nicht als Rangliste der Belastung. Eine Reihung aus wenigen Tagen einer Wetterlage würde die falsche Hälfte Wiens dauerhaft etikettieren, weil Suchmaschinen sie indexieren.
Gibt es in Wien nachts Flugverkehr?
Ja, aber wenig. Ein generelles Nachtflugverbot besteht nicht — der Flughafen Wien darf rund um die Uhr betrieben werden. Zwischen 23:30 und 05:30 begrenzt der Mediationsvertrag von 2005 den Verkehr allerdings auf 4 700 Starts und Landungen pro Kalenderjahr, überwacht vom Dialogforum Flughafen Wien. Das sind im Schnitt rund 13 in einer Nacht, etwa 2,1 in jeder Stunde der Kernnacht, gegenüber rund 679 an einem gewöhnlichen Tag. Ambulanzflüge, Sicherheitsgründe, gesperrte Pisten und besondere Wetterlagen zählen nicht gegen diese Grenze. Zusätzlich darf von 21:00 bis 07:00 bei Windstille nur die Piste 11/29 benutzt werden — der Nachtbetrieb liegt also auf einer einzigen Achse, welches Ende davon, entscheidet der Wind.
Steckt Fluglärm im VLM-Living-Score?
Nein. Der Score nutzt die amtliche Kartierung für Straße, Schiene und Industrie — Daten, die es für jeden Quadratmeter der Stadt gibt. Fluglärm ist nicht darin, und das ist die ehrlichere Auskunft, als eine Schätzung in eine Zahl zu falten. Wenn die eigene Messung belastbar ist, erscheint sie als eigenes, klar benanntes Signal — nie still im Score.
Heißt „nicht kartiert" leise?
Nie. Unter der Schwelle von 55 dB hält die amtliche Karte überhaupt nichts fest — keine Zone heißt keine Daten, nicht Stille. Das gilt beim Straßenlärm genauso: eine Straße unter der Schwelle wird schlicht nicht gezeichnet. Wer mit „kein Fluglärm" wirbt und sich dabei auf eine Behördenkarte beruft, liest eine Abwesenheit als Tatsache.
Quellen: Umgebungslärmkartierung 2022 nach EU-Richtlinie 2002/49/EG, BMK / Umweltbundesamt, CC BY 4.0 — www.laerminfo.at. Flugbewegungen: derselbe Datensatz (Großflughäfen). Nachtflugregelung und Pistenverteilungsplan: Dialogforum Flughafen Wien. Eigene Überflug-Aufzeichnung: ADS-B-Empfänger der Community, keine personenbezogenen Daten.
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