Der zweite Fluss: wie Wien sich eine Donau gegraben hat
1954 brachte die Donau 9.600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Wien antwortete mit einem zweiten Flussbett, 21 km lang, und einer Insel, auf der kein Haus stehen darf. Ein Film in einer Minute aus den Luftbildern der Stadt — und wie du unter deine eigene Adresse schaust.
Transkript
Was lag vor 70 Jahren unter deiner Wohnung? Janis-Joplin-Promenade 12, Seestadt. Heute Wohnungen – 1956 die Landebahn von Aspern. Azima zeigt das für jede Adresse in Wien: dieselbe Stelle aus der Luft, von 1938 bis heute. Und manchmal ist die Geschichte darunter größer als ein Haus. Im Juli 1954 bringt die Donau 9.600 Kubikmeter pro Sekunde nach Wien. Fast vier olympische Schwimmbecken – jede Sekunde. 1972 kommen die Bagger – und bleiben 16 Jahre. 38 Millionen Kubikmeter Erde – ein Fußballfeld, aufgeschüttet auf über fünf Kilometer: höher als der Großglockner. Daraus wird die Donauinsel. Und die Stadt entscheidet: Darauf kommt kein einziges Haus. 2002 und 2013 kommen die nächsten großen Hochwasser. Das zweite Flussbett nimmt sie auf. Die Stadt bleibt trocken. Wie sah deine Adresse aus? viennalivingmap.com – Kapitel Objekt.
Juli 1954
Vom 8. bis zum 28. Juli 1954 führt die Donau drei Wochen lang Hochwasser. Sie bringt in der Spitze 9.600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde — fast vier olympische Schwimmbecken, jede Sekunde. Die Regulierung von 1870 bis 1875 hatte der Donau ein festes Bett gegeben und daneben ein Überschwemmungsgebiet gelassen; 1954 zeigt, dass es nicht reicht.
Ein zweites Flussbett
Am 12. September 1969 beschließt der Gemeinderat die Antwort: ein zweites Flussbett neben dem ersten, die Neue Donau. 1972 beginnt der Aushub, und die Bagger bleiben 16 Jahre. Bewegt werden 38 Millionen Kubikmeter Erde. Auf ein Fußballfeld geschüttet wäre das eine Säule von 5.322 Metern — höher als der Großglockner.
Eine Insel ohne Haus
Aus dem Aushub wächst zwischen den beiden Betten eine Insel, 21 Kilometer lang. 1979 entscheidet die Stadt, dass darauf kein einziges Haus gebaut wird. Heute ist sie Wiese, Wald und Strand — und bei Hochwasser der Rand eines Gerinnes, das die Flut an der Stadt vorbeiführt. 2002 und 2013 kamen die nächsten großen Hochwasser. Das angrenzende Stadtgebiet blieb trocken.
Und unter deiner Adresse?
Der Film beginnt an der Janis-Joplin-Promenade 12 in der Seestadt: heute Wohnungen, 1956 die Landebahn des Flugfelds Aspern, das 1977 geschlossen wurde. Dieselbe Zeitreise gibt es in Azima für jede Wiener Adresse — im Kapitel „Objekt", dieselbe Stelle in zwanzig Befliegungen der Stadt von 1938 bis 2025, an einem Regler.
Deine Adresse von oben, 1938 bis heute — eintippen, und Azima öffnet am Regler:
Die Adresse geht zum Suchen an den Adressdienst der Stadt Wien, nie an Vienna Living Map. Das Ergebnis bleibt auf dem Gerät. Kein Konto.
So funktioniert die Zeitreise — zwanzig Befliegungen, die Jahreszeiten, die Lücke 1992–2014 →
Häufige Fragen
Wie lange wurde an der Donauinsel gebaut?
1972 begann der Aushub der Neuen Donau; aus dem Aushub entstand bis 1988 die Insel (der Aushub endete am 13. Oktober 1987). Beschlossen hat der Gemeinderat das Projekt am 12. September 1969 — Anstoß war das Hochwasser vom Juli 1954.
Wie lang ist die Donauinsel?
21 Kilometer, mit rund 4 km² Fläche — Angaben der Stadt Wien aus dem EU-Projekt LIFE-DICCA.
Warum stehen auf der Donauinsel keine Häuser?
1979 hat die Stadt entschieden, dass die ganze Insel unbebaut bleibt. Sie ist Hochwasserschutz und Erholungsraum zugleich: daneben fließt die Neue Donau als Entlastungsgerinne, das Hochwasser an der Stadt vorbeiführt.
Hat die Neue Donau funktioniert?
Ja. Bei den großen Hochwassern 2002 und 2013 wurde das angrenzende Stadtgebiet nicht überschwemmt, dank Neuer Donau und Insel (Wien Geschichte Wiki, „Hochwasser").
Wie viel Erde wurde bewegt?
38 Millionen Kubikmeter laut LIFE-DICCA-Bericht der Stadt Wien. Auf ein Fußballfeld (105 × 68 m) geschüttet wären das 5.322 m — höher als der Großglockner mit 3.798 m.
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Quellen: Wien Geschichte Wiki („Hochwasser", „Donauinsel", „Seestadt") · wien.gv.at, Hochwasserschutz an der Donau · Stadt Wien, LIFE-DICCA-Laienbericht 2024 (38 Mio. m³, 21 km, rund 4 km²) · Luftbilder: Stadt Wien — data.wien.gv.at, CC BY 4.0 · Karte: © OpenStreetMap-Mitwirkende. Vergleiche gerechnet: 9.600 m³/s ÷ 2.500 m³ je Olympiabecken = 3,84; 38.000.000 m³ ÷ 7.140 m² = 5.322 m.