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Pawlatschen im Innenhof eines Wiener Zinshauses (Blutgasse 3)
Foto: Herbert Josl · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons
🏛 Wie Wien wohnt

Das Wiener Zinshaus: Pawlatsche, Bassena und Bel Étage

Wiens Gesicht ist das Gründerzeithaus — und sein wahres Leben spielt sich im Hof ab. Was ein Zinshaus ausmacht, warum Pawlatsche und Bassena bis heute nachhallen, und wie sich Altbau gegen Neubau wirklich anfühlt.

Wohnkultur-Guide · Stand Juli 2026

Ein großer Teil der inneren Bezirke stammt aus einer einzigen Bauwelle: der Gründerzeit zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg. Gebaut wurde, um zu vermieten — daher der Name Zinshaus („Zins" ist das alte Wort für Miete). Von außen eine Fassade, von innen eine ganze Rangordnung: von der herrschaftlichen Wohnung im ersten Stock bis zur einfachen Kammer im Hoftrakt. Wer heute in Wien eine Wohnung sucht, sucht sehr oft in genau diesen Häusern.

Anatomie eines Zinshauses

Das Vorderhaus — die Adresse

Straßenseitig, repräsentativ, mit Stuck an der Fassade und den höchsten Räumen. Hier wohnte, wer es sich leisten konnte; die Wohnungen sind hell und großzügig, dafür hört man die Straße.

Die Bel Étage — der erste Stock

Der „Nobelstock": die höchsten Decken, die größten Fenster, der meiste Zierrat. Vor dem Aufzug galt eine einfache Regel — je höher hinauf, desto günstiger. Ganz oben, unterm Dach, wohnte das Personal.

Seiten- und Hoftrakt — das Rückgrat

Zum Hof hin wurde es enger, dunkler, billiger. Dieselbe Hausnummer, zwei Welten: vorne der Salon, hinten die Wohnung mit Wasser am Gang. Diese Trakte sind heute die ruhigen, oft revitalisierten Adressen.

Der Hof — das eigentliche Wohnzimmer

Kein Ziergarten, sondern Erschließung, Werkstatt und Treffpunkt. Über die Pawlatsche kam man zur Wohnung — und miteinander ins Gespräch. Der Hof ist die ruhige Seite des Hauses.

Ornamentierte Fassade eines Wiener Gründerzeit-Zinshauses
Eine typische Gründerzeit-Fassade: betonter erster Stock, Stuck, Gesimse. · Foto: Funke · CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

🌿 Die Pawlatsche

Die Pawlatsche ist der offene Laubengang zum Innenhof, über den in vielen Zinshäusern die Wohnungen erschlossen wurden — eigene Vorräume gab es oft nicht. Das Wort kommt aus dem Tschechischen (pavlač) und erinnert daran, dass ein guter Teil Wiens aus Böhmen und Mähren zugewandert ist.

Der Nachteil von damals — man ging bei jedem Wetter draußen zur Tür — ist heute der Reiz: eine Pawlatschen-Wohnung hat einen eigenen Freiraum zur ruhigen Hofseite. Saniert sind diese Wohnungen ein gesuchtes Stück altes Wien.

🚰 Die Bassena

Die Bassena war der gemeinsame Wasserhahn am Gang, an dem sich mehrere Parteien versorgten (von bassin, dem Becken). Aus dem Anstellen und Plaudern dort entstand der „Bassenatratsch" — der Hausklatsch, für den Wien bis heute ein eigenes Wort hat.

Die Bassena steht für die Wohnungskategorie D: kein Wasser, kein WC in der Wohnung. Über Jahrzehnte hat Wien diese Substandard-Wohnungen saniert; die Kategorien A bis D im Mietrecht sind das Echo davon. Wer heute einen unsanierten Altbau besichtigt, fragt am besten zuerst, wo Bad und WC liegen.

🏢 Altbau oder Neubau — wie es sich anfühlt

Altbau heißt Raumhöhe: drei Meter und mehr, hohe Kastenfenster mit doppelten Flügeln, dicke Mauern, die im Sommer kühl und im Winter träge sind, oft Parkett und Flügeltüren. Dafür Gänge, Stiegen ohne Lift und Fenster, die Pflege brauchen.

Neubau heißt Effizienz: gleichmäßige, niedrigere Räume, Lift, Fußbodenheizung, Balkon oder Loggia, dichte Fenster — dafür weniger von dem Charakter, den man am Altbau liebt.

Umgangssprachlich meint „Altbau" ein Haus von vor 1945; im Mietrecht zieht die Vollanwendung des Mietrechtsgesetzes die Grenze bei Häusern mit Baubewilligung vor Mitte 1953. Was das für Miete, Befristung und Richtwert bedeutet, steht im Wohnarten-Guide.

In der Vienna Living Map liest du an der Bebauung, wo das dichte Gründerzeit-Wien aufhört und die offenen, neueren Ränder beginnen — vom engen Hof mit hoher Fassade bis zum weiten Himmel über niedrigen Dächern.

Das Gründerzeit-Wien in Zahlen

Wie viel Gründerzeit steckt in welchem Bezirk? Der Anteil an Zinshäusern (1848–1918) am Wohnbestand, aus der amtlichen Bautypologie der Stadt Wien. Ganz vorne, wenig überraschend und doch schön: der 7. Bezirk, der „Neubau" heißt und fast reines Gründerzeit-Wien ist.

7. Neubau90%
20. Brigittenau88%
2. Leopoldstadt82%
15. Rudolfsheim-Fünfhaus80%
6. Mariahilf75%
8. Josefstadt75%
9. Alsergrund66%
4. Wieden60%

Anteil der Wohn-Bautypen „Miethaus der Gründerzeit" je Bezirk, aggregiert aus dem OGD-Datensatz „Bauperioden & Bautypologien Wien" (Stadt Wien, CC BY 4.0). Neubaugebiete wie die Seestadt sind darin noch nicht erfasst.

Auf der Karte: die Ebene „Baualter" zeigt, wo das Wien vor 1945 den Ton angibt →

Woran du ein echtes Zinshaus erkennst

An der Fassade

Stuck, Gesimse und ein betonter erster Stock — je reicher der Schmuck, desto näher an der alten Bel Étage.

Im Haus

Hohe Räume, Kastenfenster, ein Stiegenhaus mit gusseisernem Geländer — und vielleicht ein Lift, der erst später dazukam.

Im Hof

Eine Pawlatsche, altes Pflaster, manchmal die Reste einer Bassena. Der Hof verrät das Alter ehrlicher als die frisch gestrichene Fassade.

An der Lage im Haus

Vorderhaus (hell, aber laut zur Straße) oder Hoftrakt (ruhig, dafür dunkler) — das entscheidet den Alltag mehr als die Bezirksnummer.

Auf einen Blick

ZinshausMiethaus der Gründerzeit
Bel Étageerster Stock, die besten Wohnungen
Pawlatscheoffener Laubengang zum Hof
BassenaWasserstelle am Gang · Kategorie D
Vorderhausstraßenseitig, repräsentativ
Hoftraktzum Hof, ruhiger und günstiger
Grätzl mit Gründerzeit-Charakter in der Vienna Living Map finden →

Häufige Fragen

Was ist ein Zinshaus?

Ein Miethaus aus der Gründerzeit (etwa 1848 bis 1918), gebaut, um Wohnungen zu vermieten — „Zins" ist das alte Wort für Miete. Von außen eine Fassade, von innen eine ganze Rangordnung: von der herrschaftlichen Bel Étage bis zur einfachen Wohnung im Hoftrakt.

Was ist eine Pawlatsche?

Der offene Laubengang (die Galerie) zum Innenhof, über den in vielen Zinshäusern die Wohnungen erschlossen wurden. Das Wort stammt aus dem Tschechischen (pavlač). Heute sind Pawlatschen-Wohnungen wegen ihres ruhigen Freiraums zum Hof gesucht.

Was ist eine Bassena?

Die gemeinsame Wasserstelle am Gang, an der sich früher mehrere Wohnparteien versorgten. Aus dem Warten und Plaudern dort entstand der „Bassenatratsch". Wohnungen ohne eigenes Wasser und WC gelten im Mietrecht als Kategorie D.

Was ist die Bel Étage?

Der erste Stock über dem Erdgeschoß, historisch die vornehmste Etage: die höchsten Decken, die größten Fenster, der meiste Stuck. Vor dem Aufzug galt — je höher hinauf, desto günstiger die Wohnung.

Was ist der Unterschied zwischen Altbau und Neubau?

Altbau (umgangssprachlich von vor 1945) bedeutet hohe Räume, Kastenfenster, dicke Mauern und Charakter, aber oft Gänge und Stiegen ohne Lift. Neubau bedeutet Lift, Fußbodenheizung, dichte Fenster und effiziente Grundrisse. Mietrechtlich ist zusätzlich die Grenze der MRG-Vollanwendung (Baubewilligung vor Mitte 1953) relevant.

Sind Zinshäuser eine gute Wohnadresse?

Sie prägen die begehrtesten inneren Bezirke — mit Charakter, Raumhöhe und zentraler Lage. Der ehrliche Kompromiss: dichte Bebauung, wenig Grün direkt vor der Tür, im Hoftrakt weniger Licht. Das sieht man sich am besten vor der Unterschrift an, zur Tageszeit, zu der man wirklich dort lebt.

Begriffe und Zahlen: allgemeine Wiener Wohn- und Baugeschichte sowie das österreichische Mietrechtsgesetz (Wohnungskategorien A–D, Richtwert, MRG-Vollanwendung), vereinfacht dargestellt — verbindlich beraten Mietervereinigung, Mieterhilfe und die Schlichtungsstelle der Stadt.

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